Donnerstag, 24. Mai 2012

Aus dem Leben...Teil 28


Wie ich mir Essen beschaffte

Manchmal haben Menschen bekanntlich Hunger. Dann essen sie etwas. Es gibt soooo viele tolle Essen. Gesundes Essen. Ungesundes Essen. Leckeres Essen. Weniger leckeres Essen. Teures Essen und so weiter…

Ich hatte Montag um 1100 auch Hunger. Leider war mein Kühlschrank, bis auf die schon drei Wochen dort frierenden Wiener Würstchen, komplett leer. Überlegte, ob mir die vorhandenen Würstchen helfen würden mein Hungerproblem zu lösen. Minuten vergingen. 1123 dann die Entscheidung in meinem Kopf: Nein! Weil die Dreiwochenimkühlschranksteherwürstchen nicht mehr lecker waren. Auch nicht mehr gesund. Nicht mehr frisch und erst recht nicht appetitlich. Deshalb musste ich mir was einfallen lassen. Und da ich ein cleverer, gutaussehender Anfangszwanziger bin, dauerte es nicht lange und ich hatte einen Plan…

Der war bombensicher. Einfach ein Riesen-Einfall. Zuerst musste ich mich waschen. Zahn putzen. Dann einkleiden. Was mir gut gelang, mache ich ja nun schon einige Jahre selbst. Da fällt mir ein, wie schön das war, als meine Mama mich früher noch in meine Outfits geschubst hat, ich mir keine Gedanken über meine Optik machen und einfach nur noch mit dem Auto zur Arbeit fahren musste. Einfach herrlich…meine Fantasie. Natürlich zieh‘ ich mich selbst an, seit, ja seit wann eigentlich? Müsst ich mal nachfragen. Wenn’s euch interessiert. Jedenfalls war ich noch in der Grundschule und durfte konnte noch kein Auto fahren. Und erst recht nicht Arbeiten.

…zurück zur Essenbeschaffung. Also erst waschen, dann anziehen. So weit, so gut. Klappte fehlerfrei. Dann wollte ich aus dem Haus, in mein Auto und die 1029 Meter zum Supermarkt fahren und Nahrung einkaufen. Das klappte. Nicht. Jedenfalls nicht so, wie’s geplant war. Warum? Ich sag euch warum! Weil ganz Köpenick einfach eine Baustelle ist. Ich machte die Tür auf und stand im Stau! Bin noch nicht mal im Auto gewesen und nichts ging mehr. Konnte nicht vor und nicht zurück. Okay, zurück wär gegangen. Dann wär ich wieder im Haus gewesen. War aber nicht der Sinn der Sache. 

Irgendwann, nach unzähligen Minuten und völlig verschwitzt, saß ich dann in meinem Golfi. Juhuuu! Konnte also losgehen. Musste auch losgehen, weil es ungefähr 383848430 Grad Celsius im Auto waren. Der Planet drückte nicht, der brannte! Ich musste schnellstmöglich die Route hinter mich bringen, bevor mir das Lenkrad zwischen den Pfoten wegschmolz. Lief auch ganz gut…

...die ersten 304 Meter. Meine Fresse. Dann wieder Stau. Was bauen die hier denn überall? Konnte mir die Frage nicht beantworten und fragte deshalb aus meinem schwarzen Golfi einen Fachmann. Einen Bauarbeiter am Straßenrand. Antwort: „Straße.“ Darauf ich: „Sinnvoll, weil hier ja noch keine ist.“ Darauf er: „Jop.“ – Glaube, woanders als bei den Straßenbauern würde dieser Baui auch keine Chance haben. Gut vielleicht könnte er noch eine leitende Funktion bei einem Blau-Weißen Ex-Bundesligisten einnehmen, doch noch ist diese Stelle ja besetzt. Auf jeden Fall ist er ein ganz heißer Kandidat für die Nachfolge des aktuellen Zepterschwingers in Charlottenburg...

Nun denn,… nach 14 Minuten hatte ich die Hälfte der Strecke (wir erinnern uns: Distanz Wohnung -> Supermarkt = 1029 Meter) dann doch schon zurückgelegt. Erkannte die Silhouette des Zielorts. Gleich war ich da. Gut, aus gleich wurden 31 Minuten später. Aber ich war angekommen. Stürmte in den Laden. Packte alles ein was ich finden konnte. Was verzehrfertig war. Beziehungsweise, Dinge von denen ich wusste, dass ich sie mir auch zu Hause selbst zubereiten konnte. Zum Beispiel Nudeln. Tüten-Suppe. Dosen-Suppe. Wiener Würstchen…

Mein Plan ging also auf. Musste er ja auch. War ja ein Riesen-Einfall und bombensicher. An der Umsetzung muss ich beim nächsten Mal noch feilen. Fast zwei Stunden brauchte ich mit allem drum und dran. Ahhh, das ist bestimmt auch dieses Slow-Food von dem alle reden, oder? Ja? Na jedenfalls ist das nicht so mein Fall. Dauert mir zu lange. Vielleicht muss ich den knappen Kilometer dann doch zu Fuß gehen? Wäre eventuell schneller. Wobei ich mir da nicht mal sicher bin. Weil wie gesagt, in Köpenick kommst du aus der Haustür und stehst drin, im Stau. 

Muss ich mir noch was Einfallen lassen für den kleinen Fehler im Plan. Aber da habe ich ja noch Zeit. Habe erst mal keinen Hunger und wenn der dann doch mal kommt, dann hab ich ja noch Wiener im Kühlschrank. Von Montag…

S.J.

Montag, 16. April 2012

Aus dem Leben...Teil 27



Ein Drama in sechs (Kata-)strophen

Manchmal sehe ich aus meinem Fenster, 
dann denke ich mir: „Mensch, was glänzt da?“
Schaue ich genauer hin, 
merke ich, im Himmel sind ja Sterne drin.

Nun die Frage aller Fragen, 
wer von euch hier kann mir sagen,
warum die Dinger Sterne heißen 
und kann man die aus dem Orbit reißen?

Wenn ja,will ich wissen wie, 
denn schlafen lassen tun die mich nie.
Die blenden und die stören mich, 
in Ruhe nächtigen kann ich nicht.

Drei Tage bin ich jetzt schon wach, 
plötzlich fällt mir mal was ein:
Lasse einfach durch mein Rollo, 
kein Sternenlicht mehr rein.

Ei, wie ist das dunkel nun, 
voll schön, jetzt kann ich endlich ruhn.
Leider gibt’s noch ein Problem: 
Den Weg zum Bett kann ich nicht sehn.

Ein lauter Knall, ich ramm‘ den Schrank 
und plötzlich lieg‘ ich richtig lang.
Seh‘ sie wieder und zwar nicht in der Ferne, 
diesmal ganz nah, diese blöden Sterne.

S.J.

Dienstag, 13. März 2012

Gastarbeiter...Teil 1

"Gastarbeiter" ist eine neue Kategorie auf TFSIG und ermöglicht es, wie der Name schon sagt, Gast-Schreiberlein ihre Texte hier zu veröffentlichen. Nur Top-Texte schaffen es auf unsere Seite, sind absolute Seltenheit und der von Steven Wiesner ist eben eine solche. Viel Spaß!


Wo die Intelligenz zuhause ist

Als Eishockey-Freund und langjähriger Anhänger der Eisbären Berlin dachte ich mir, es wäre Mal an der Zeit, eine Partie in den Niederungen der Szene zu besuchen. An einem kühlen Freitagabend mache ich mich also auf den Weg nach Weißwasser, eine Provinz im Osten Deutschlands, in der die Lausitzer Füchse beheimatet und in Liga 2 traditionell darum bemüht sind, der Abstiegsrunde aus dem Weg zu gehen. 

Am Eispalast angekommen, suche ich die Kasse auf. Hinter der Theke sitzen drei „Golden Girls“-Verschnitte, die die Papierschnipsel (vermutlich schon seit 100 Jahren) aushändigen. Ich erstehe eine Stehplatzkarte. (Famoses Wortspiel oder?) Das Ambiente, das ich wenige Augenblicke später vorfinde, wird dem Gegenwert von elf Euro aber nur geringfügig gerecht. Ich, der sich mit der O2-World an einen der modernsten Tempel des europäischen Kontinents gewöhnt hat, erleide das, was schlaue Leute irgendwann mal als „Kulturschock“ deklarierten. Die DDR habe ich zwar nie selbst erlebt – das aber muss sie gewesen sein: Die Zuschauer werden auf einem besseren Baugerüst abgestellt, Eichenholzplatten halten als Stehplätze her. VIP-Gäste sind in Plastikschalen hinterm Tor untergebracht. Die Pressekabine ist gar keine Kabine, sondern eine Holzbank mit Ablagemöglichkeit. Die Anzeigetafel kommt als derart veraltetes Fossil daher, dass man es förmlich klicken SIEHT, wenn sich die Ziffern ändern. Und der Imbissstand hat auch keine Steaks mit Brötchen im Angebot, sondern Schnitzel, die sich in Toastbrotscheiben verstecken. Zudem verfestigt sich sukzessive eine Geruchmixtur aus Bier, Schweiß und Asbest im Riechkolben. Dufte!

Ich bleibe trotzdem bis zum Anpfiff und müsste auch lügen, wenn diese verstaubte Szenerie nicht einen gewissen Charme versprühen würde. Es ist der vorletzte Spieltag einer langen, zermürbenden Eishockey-Spielzeit. Die Füchse haben ein gutes Jahr hinter sich. Mit einem Punktgewinn gegen das Kellerkind aus Riessersee können sie den Klassenerhalt und den damit verbundenen Einzug in die Playoff-Runde schon unter Dach und Fach bringen. Vom Bully weg entwickelt sich ein munteres Spielchen mit Chancen auf beiden Seiten. Wie bei jeder Sportart aber scheinen die Schlachtenbummler auf den Traversen durchgehend geeigneter für den Job im Ring zu sein als die Athleten – zumindest wenn man ihren Ausführungen und Verlautbarungen Glauben schenken möchte. Ich habe mich glücklicherweise genau neben eine Meute halbstarker Jugendlicher platziert, die sich Ultras schimpfen, Transparente basteln und im Glauben erzogen wurden, der Puck würde nur dann im Tor einschlagen, wenn sie auch ja jeden Angriff akustisch („Jaaaa“ / „Aahhhh“ / „Oohhhh“) begleiteten. Direkt vor mir wedelt eine dieser Intelligenzbestien (ich nenne sie mal Fridolin) unentwegt mit einer Fahne herum. Ein paar Reihen über mir sucht jemand (ihn taufe ich auf den Namen Kunibert) den Dialog: „Eyyyy, nimm‘ die Fahne runter!“, eröffnet Kunibert charmant. Fridolin möchte besonders cool reagieren. Er dreht sich um und symbolisiert den Wunsch nach Stille, indem er seinen Zeigefinger senkrecht auf seine gespitzten Lippen legt. „Wir wollen ooch watt sehn!“, legt Kunibert nach. Wieder wendet sich Fridolin seinem Pendant zu, um diesmal Gesprächsbereitschaft zu signalisieren. In einem Moment brillanter Klarheit entgegnet er: „Du kannst auch rausgehn!“ Mensch, natürlich!, dämmert’s mir. Warum Kunibert da nicht von selbst drauf gekommen ist!? Von draußen hätte er bestimmt bessere Sicht aufs Treiben! Einfach genial, dieser Frido! Doch halt, er argumentiert weiter: „… du Spast!“ Und weil Fridolin gerade so einen intellektuellen Moment hat, macht er den Naki und wütet hinterher: „Du bist dran, Alter!“ Die Stimmung ist gut.

Das erste Drittel geht torlos über die Bühne. Verunsicherung macht sich breit. „Warum sind wir eigentlich Fans von diesen Versagern?“, steht den Zuschauern ins Konterfei geschrieben. Fridolin will sein Team nach vorne peitschen. Er dreht sich um, hebt die Arme empor und versucht, den Rest des Fanblocks zum Klatschen zu animieren. „Alle zusammen, aaaaaalllllleeeeee!“, krakelt ausgerechnet derjenige drauf los, der noch ein paar Minuten zuvor einen Fankollegen exekutieren wollte. ‘N toller Zusammenhalt ist das. Im zweiten Abschnitt aber erzielen die Füchse das erlösende 1:0, um im Schlussdrittel die Entscheidung herbeizuführen. Nach 60 Minuten steht es 3:0. Die Füchse haben’s geschafft. Das Publikum ist begeistert. „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ und „Wir sind stolz auf unser Team“, skandieren die Fans, die noch nach den ersten vergebenen Möglichkeiten in der Anfangsphase die ganze Mannschaft verkaufen und sich selbst einwechseln wollten. Hach, man muss sie einfach mögen, diese Fans. Denn auch mein Ausflug nach Weißwasser hat bestätigt: Wo sich die Sportfans dieser Welt mit ihren scharfsinnigen Kommentaren herumtreiben, ist auch intelligentes Leben nicht weit.   


Nachtrag:
Deniz Naki
sorgte für Aufregung,
weil er eines seiner Tore
vor dem Gästeblock
feierte und symbolisch 
mit seiner Hand seine 
Kehle durchtrennte

Text:
Steven Wiesner   
(SteWie)
Foto: Web