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Dienstag, 15. September 2009

Deutschland und die Welt ...Teil 1


Von Los Angeles, Starkstromleitung und Zweitligafußball

Für 1700 war die Abfahrt in die östliche Provinz, Cottbus, geplant. Durch unglückliche und unvorhersehbare Umstände wurde dieser Plan allerdings zu Nichte gemacht. Mit 56-minütiger Verspätung, leerem Tank und leerem Magen machte sich der Reisetrupp Jahn also doch noch auf den Weg zum Zweitligaspiel Energie Cottbus gegen den Karlsruher SC. Alle drei Störfaktoren wurden unterwegs erfolgreich bekämpft, die Autobahntankstelle auf Höhe Beeskow wurde souverän angesteuert, um Tank und Magen der sich an Bord befindlichen Personen zu füllen. Problem Numero 3 wurde durch erfolgreiches Autobahnslalomsprinting gelöst und ganze 25 Minuten herausgefahren...

…1937, Abfahrt Cottbus-West: Natürlich gesperrt. Umplanen. Blick auf‘s Navi: Kein GPS-Signal. Hektik. Doch dann, Blitzidee beim großen Bruder, „Wir fahren die Nächste ab“. Und kieke da, auf einmal waren wir drin, im Herzen der Lausitz. Im Los Angeles des Ostens. In der Hektik von Deutschlands zweithöchster Fußballspielklasse. Woran ich das Festmache? Na, weil ich nicht denke, dass es der Normalzustand ist, wenn ungefähr 5000 Polizisten die Autos der einfahrenden Mensch kontrollieren, als ob sich Osama Bin Laden angekündigt hätte. Nein, auch in Cottbus ist das nicht der Normalzustand. Jedenfalls sprudelte es dann erneut förmlich aus dem großen Bruder heraus, „Nebenstraße. Wir parken in einer Nebenstraße!“. War ich erst nicht einverstanden, weil wenn man `ne Parkkarte für den Vip-Parkplatz, welcher direkt am Stadion der Freundschaft, ja fast schon im Stadion ist, besitzt, stellt man nur sehr ungern seinen Wagen in einer dunklen Nebenstraße ab. Und erst recht nicht, wenn sich die Nebenstraße in einer Ostdeutschen Stadt befindet, in der es öfter Mal zu heftigen Auseinandersetzungen verschiedener Politikrichtungen kommt.

Nun denn, der Wagen wurde geparkt. Direkt vor ein dichtgemachtes Gefängnis (!), wo auch die Straßenbeleuchtung schon bessere Tage gesehen hatte. Vorteil dieses Parkplatzes, das Parken war umsonst, genau wie das „Gegen-die-Starkstromleitung-urinieren“. Ich sag euch, das muss man mal gemacht haben, so viel Nervenkitzel beim Pinkeln hat man selten.

Nachdem dann alle Bedürfnisse befriedigt waren, brachten wir nun die ca. 1000m Fußweg hinter uns und erreichten um 2003 dann die Plätze 19 und 20, in Reihe 4, Block D, auf der Haupttribüne des Cottbusser „Stadion der Freundschaft“. Unsere Blicke schweiften erstmal durchs weite Rund und verharrten dann vor der Nordtribüne, wo Ronny Gersch, Stadionsprecher der Lausitzer, versuchte die etwas pomadig wirkenden Ultras der Spreegurkenstädter, doch noch rechtzeitig vor dem kurzbevorstehenden Anpfiff wach zu bekommen. Aber bei allem Respekt, ein „Gebt mir ein F, gebt mir ein C, gebt mir ein E…wer wird gewinnen?“ klingt wie Stimmung aus der Dose. Tippe meinen Bruder an, um ihm mitzuteilen, dass nur noch die Klatschpappe wie bei Alba Berlin in der 0²-World fehlt, um komplett künstliche Stimmung zu erzeugen. Da hält der mir so ein Ding unter die Nase. Das war dann der Zeitpunkt, an dem ich jeglichen Respekt gegenüber dem Cottbusser Publikum verlor. Und auch qualifizierte Sprüche gegen den Unparteiischen, Herrn Manuel Gräfe, die wie folgt von mir wahrgenommen wurden: „So lang wie der Gräfe ist, so doof ist der auch“ , retteten mein Bild der Cottbusser Anhänger nicht mehr. Aber nicht nur die Fans waren großes Kino. Auch Energie-Coach Claus Dieter „Pele“ Wollitz, auf den wir einen sehr guten Blick hatten, sorgte desöfteren für ein breites Grinsen in meinem Gesicht. Der Mann legte an der Außenlinie mehr Kilometer zurück als das von ihm aufgestellte Sturmtrio Radu, Jula, Sörensen, die zusammen ungefähr 6m hoch und beweglich wie die Birke in meinem Garten sind. Da wir in der 4. Reihe direkt hinter der Trainerbank saßen konnten wir auch jedes Wort verstehen, was der Herr Wollitz ins Spiel oder die Trainerbank hinein brüllte. Gut, aber diesen Luxus konnten wahrscheinlich auch die Menschen in Reihe 47 wahrnehmen, denn FCE Coach „Pele“ hat das Megaphon ja quasi gefrühstückt. Sehr sympathisch der Mann. Über das Spiel muss man nicht viel erzählen, denn Fußball wurde nur auf einer Seite gespielt und das war die des KSCs. Vier blitzsauber herausgespielte Tore der in komplett weiß gekleideten Gäste, sowie ein Hacke-Tor und ein direktverwandelter Eckstoß des Cottbussers Shao, stellten den 2:4-Endstand für die Truppe von Trainer Markus Schupp, vor 13104 zahlenden Zuschauern her. Neben Shao glänzte nur noch ein Cottbusser. Der schon erwähnte Stadionsprecher Ronny Gersch ließ mein Herz höher schlagen, indem er Sätze wie: „Wie geil ist das denn?! Direktverwandelter Corner unserer Nummer 20, Jiayi…“ in’s Mikrofon brüllte. Feiner Kerl der Ronny.

Nach dem Schlusspfiff, welcher durch ein gellendes Pfeifkonzert der Cottbusser Fans begleitet wurde, gönnten mein Bruder und ich uns noch ein kleines 3-Gänge Menü im Vip-Bereich und schlenderten dann wieder in Richtung Knast, Starkstromleitung und Auto.

2248 bewegten sich dann die Räder meines Wagens wieder in Richtung Reichshauptstadt, mit dem Ziel noch vor um 0000 zu Hause, in Oberschöneweide zu sein. Doch kaum auf die Autobahn aufgefahren mussten wir wieder runter. Tanken, malwieder. Aber auch diese an den Nerven und an der Zeit zerrenden 5 Minuten brachten mich von meinem Vorhaben, noch vor Mitternacht in Berlin anzukommen, nicht ab.

Genau 2347 zeigte die Uhr meines Wagens an, als ich den Motor des Selbigen abschaltete. Eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 170km/h ließen mich mein Ziel erreichen und das obwohl uns dieser eminent wichtige, aber taktisch schlechte Fauxpas des Tankens unterlief.

Fazit dieses Ausfluges ist, dass wenn man sich an einem Montagabend Zweitligafußball antun möchte, dann sollte man dies im TV tun, denn gelohnt hat’s sich nicht so wirklich, auch wenn unsere Cottbusser Freunde ein wirklich vorzügliches Speiseangebot ihr Eigen nennen können. Doch um gut zu essen, muss ich nicht extra nach Cottbus fahren und der Hauptgrund unseres Besuches im Stadion der Freundschaft war das ja nun auch nicht.

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