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Montag, 19. Dezember 2011

Deutschland und die Welt...Teil 16

Hamburg meine Perle
Hamburger SV - FC Augsburg 1:1 (0:0), 48.502 z.Z.

Meine Freundin Bina und ich besuchen gern sportliche Großveranstaltungen. Da sie, genau wie ihre Familie, großer Fan des Hamburger SV ist und mich in den nun schon mehr als zehn Monaten Beziehung ebenfalls mit dem Raute-Virus infiziert hat, entschlossen wir uns am 9. Dezember die Tickethotline der Hamburger zu wählen und uns zwei Karten für das letzte Bundesliga-Hinrunden-Match eine Woche später gegen Augsburg, zu bestellen. Noch am selben Tag kauften wir uns für unseren Hamburg Ausflug ein „Schönes-Wochenende-Ticket“ der Deutschen Bahn und legten dafür 39 Taler in des Ticketautomaten Geldschlitz. Ein recht humaner Preis, dachten wir uns. Zwar galt das Ticket nur für Regional- und S-Bahnen, doch auch mit diesen Beförderungsmöglichkeiten kann man bis in die Hansestadt kommen. Anstatt dem heftig-schnellen zwei Stunden-Dauersprint mit dem ICE wollten wir also viereinhalb Stunden Stop-and-Go-Regionalbahn fahren.  So zumindest der Plan. Eigentlich ein Weltklasseplan. Eigentlich…

Mladen und ich

Muss vorerst noch auf Stevi an seiner
Seite verzichten: Mladen Petric

Foto: dpa
Mittwoch lag dann ein Briefumschlag des HSV in meinem Briefkasten. Dachte mir, dass es entweder ein Angebot der Hamburger für mich ist und ich künftig neben Mladen Petric stürmen soll, oder dass es die bestellten Karten für das Augsburg-Spiel sein müssten. Riss den Umschlag auf… Mist. Traurige Gewissheit. Werde doch nicht Mladens Sturmpartner. Zumindest jetzt noch nicht. Kein Angebot für meine Person drin. Dafür aber Karten. Die für das Spiel am Wochenende. Auch toll. Langsam fing es an zu kribbeln. Ich kannte die Imtech-Arena bisher nur von einer Stadiontour zu Zeiten als der Tempel noch „Volksparkstadion“ hieß, einer Partie wohnte ich bisher in diesem Stadion noch nicht bei. Anders Bina. Sie war schon öfter mal dort, wenn die Hamburger-Jungs dort auf dem grünen Rasen grätschten und zauberten. Oft hat sie mir vorgeschwärmt, wie toll das da wäre und wie geil die Stimmung sei und ahhhh, einfach schön.

Wir druckten uns am Donnerstag die Zugverbindungen für die Hin-und Rückreise aus, Freitag kauften wir Brot und Wurst für unsere Lunchpakete, welche wir auf unserem „Roadtrip“ vertilgen wollten. Langsam begann die heiße Phase. Noch einmal schlafen, dann „Hamburg meine Perle – wunderschöne Stadt…“

Und los!

Samstagmorgen, um 0630 klingelte der Wecker. Sonst eine Qual und so gar nicht meine Zeit, Samstag purer Genuss, Vorfreude, jetzt geht’s los! Aufgedreht und tollpatschig machte ich mich fertig um gen Norden aufzubrechen. Ehm, ja. Und was machte eigentlich Bina? Meine Freundin freute sich natürlich auch, nur sie ist ja Profi im HSV-live-gucken. Deshalb tanzte sie wahrscheinlich nicht ganz so euphorisch durch meine Wohnung. Egal. Jeder freut sich auf seine Weise. Punkt 0700 brachen wir auf zum Ostbahnhof, wo um 0744 unser Regionalexpress zum Berliner Hauptbahnhof starten sollte. Und da nahm das Unheil schon seinen Lauf. Schon der erste Zug an diesem Tag hatte eine Verspätung von fünf Minuten, wäre nicht weiter schlimm gewesen, hätten wir alles locker verschmerzen können. Denn unser Anschlusszug am Hauptbahnhof fuhr ja erst 0802. Wie gesagt HÄTTEN wir verschmerzen können, doch zu den fünf Minuten Verspätung kam am Ostbahnhof noch ein Schaffnerwechsel und dieser dauerte aus unerfindlichen Gründen sechs Minuten! Ich weiß nicht, ob der alte Schaffner den Neuen noch ausbilden musste oder ob der Neue dem Alten seine Urlaubsdias zeigte und das deshalb so lange dauerte, auf jeden Fall wurde für Bina und mich die Zeit knapp. Wurden ungeduldig. Wurden aggressiv. Fingen an zu schwitzen. Herzrasen. Und eine bitte an Gott: Lass uns den weiterführenden Zug am Hauptbahnhof schaffen…

…als der nun elf Minuten verspätete Zug am zentralen Bahnhof zum Stillstand kam und sich langsam die Türen öffneten nahmen wir unsere Füße in die Hand und sprinteten vom obersten Bahnsteig nach ganz unten. Wir hatten eine Minute Zeit. Wir boxten Menschen um, rannten Tiere über den Haufen, verloren Zeitungen unterwegs. Knickten um. Maulten Langsamlatscher voll. Rutschten aus. Sahen den Zug. Schafften den Zug. Nicht. Gerade als wir auf den Türknopf drückten, fuhr das Scheißding los. Pünktlich auf die Minute. War ja wieder klar, wenn man mal eine Minute Verspätung braucht... schmiss mein Rucksack ab. Warf meinen Kicker schreiend auf den Bahnhofsboden. Wurde wieder aggressiv. Zitterte. Bina dito.

Nach kurzer Verschnaufpause sammelten wir uns wieder. Überlegten uns wie wir nun weiter vorgehen konnten. Rannten dann die Treppen wieder rauf zum DB-Servicepoint wo eine DB-Kuh saß. Klagten unser Leid. Bekamen als Antwort: „In eineinhalb Stunden fährt der Nächste.“ Mussten uns zusammenreißen, der Bahn-Kuh keinen Tunnel ins Gesicht zu boxen. Bedankte mich bei der Tante mit den Worten: „Danke für diese behinderte Antwort!“

Setzten uns ins Restaurant mit dem großen gelben M und warteten. Wetterten über die Deutsche Bahn, gingen verschiedene Terrorpläne durch. Verwarfen diese jedoch erst mal wieder.  Mittlerweile waren wir so negativ gestimmt, dass wir dachten, wir würden nicht mehr rechtzeitig in Hamburg ankommen. Wir dachten, dass wir überhaupt nie in Hamburg ankommen würden…

Als nun unser Ersatzzug, also der eineinhalb Stunden später, auch schon wieder fünf Minuten Verspätung hatte, fielen wir fast vom Glauben ab. Uns standen schließlich noch zweieinhalb Stunden Fahrt mit diesem Zug nach Schwerin bevor, wo wir dann zehn Minuten Aufenthalt haben und dann in den nächsten Zug nach Hamburg umsteigen sollten. Nun hatten wir also nur noch fünf Minuten in Schwerin. Ein Drahtseilakt. Ein Tanz auf der Rasierklinge. Ein Glücksspiel. Und genau hier begann der Tag geil zu werden. Im üppig gefüllten Regio nach Schwerin bekamen Bina und ich nämlich Sitzplätze, das normale Fußvolk musste teilweise die gesamte Fahrt stehen, so voll war das Teil. Auch holten wir auf der 180-minütigen Fahrt die fünf Minuten wieder rein und kamen pünktlich (jaaaaa, pünktlich!) am Schweriner Hauptbahnhof an. Dort trafen wir dann Steffen, welcher ebenfalls nach Hamburg zum HSV wollte und extra aus Zwickau angereist kam. Er hatte seine ganz eigene Bahnverspätungsverpassungsstory, doch diese kann er euch irgendwann mal selbst erzählen. Jedenfalls fragte Steffen, ob er sich an uns halten kann, weil er keinen Plan hat wo und wie und überhaupt. Weil wir nett sind und ihn seines Akzentes wegen nicht richtig verstanden, stimmten wir zu und verbrachten die letzten 90 Minuten sehr unterhaltsam im Regionalexpress nach Hamburg, was sowohl an Steffens Geschichten, sowie am Hamburger-Fan-Anhang lag, welcher nun von Station zu Station mehr und voller ( = betrunkener) wurde.

Am Hamburger Hauptbahnhof angekommen, verabschiedeten wir uns von Steffen, wünschten uns gegenseitig ein schönes Spiel und gingen unsere Wege. Bina und ich buffelten gleich in die völlig überfüllte, stinkende S-Bahn und fuhren mit dem größten Mob ins Stadion. Wo wir dann mit insgesamt zweistündiger Verspätung, aber immer noch rechtzeitig um 1415 aufschlugen:

Lieber HSV,

 gern hätten wir in Deinem Merchandise-Shop im Stadion mehr Geld gelassen, als den einen Euro für das Stadionheft „HSV-Live“. Da wir aber erst 1415 vor Ort,  zwei Stunden später als geplant, waren, blieb uns nicht mehr viel Zeit zum Schmökern und Kaufen. Nicht nur die mangelnde Zeit, sondern auch die Menschenmassen machten es uns unmöglich den HSV-Shop genauer zu studieren! Bedanken darfst Du Dich, lieber HSV, bei der Deutschen Bahn!

Bina + Steven


...raus aus dem Fanartikel-Laden, noch mal schnell auf den Napp (bei den Herren eine Pinkelrinne, an der man sich beim Pinkeln mit seinem Nebenmann Zweikämpfe liefern und ums nackte Überleben kämpfen muss) und dann rein ins Stadion. Hoch oben. Block 28C, Reihe 17, Sitze 85 und 86. Aber erst mal mussten wir da hinkommen. Was für steile Treppenstufen. Und klein. Gerade mal ein Bina-Fuß (Größe 37) hat auf die Stufen gepasst. Also sind wir vorsichtig die Wand des Mount Everest hinaufgeklettert und zum Glück gesund auf unseren Plätzen angekommen. Dann folgte das erste Mal durchatmen und einfach nur noch genießen. Was für eine geile Aussicht! Hammer! Ein Stadion, wie eine Beethoven Sonate… nur wahrscheinlich lauter. Und moderner. Aber ungefähr genauso wertvoll. Als dann auch noch Lotto King Karl zehn Minuten vor dem Anpfiff „Hamburg meine Perle“ auf seiner Hebebühne vor der Nordkurve live ins Mikrophon schmetterte, standen Nacken-und Armhaare , synchron wie Soldaten bei der Bundeswehr in Reihe und Glied.


Fußball


So, und zum Spiel? Na ja, der HSV hatte am Samstag wohl eine seiner bisherigen Saisonbestleistungen gezeigt. 25 zu 3 Torschüsse. 62 zu 38 Prozent Ballbesitz. Richtig, hört sich alles… genau, nach einem 1:1 an. Teilweise war ich echt beeindruckt von unserem HSV, gute Spielzeuge. Gute Spieler. Petric, Töre, Guerrero, Westerm… na ja, Petric, Töre, Guerrero, Punkt. Nur die Chancenverwertung. Da sind wir närrisch geworden. Mindestens vier hundertprozentige Dinger. Ein Seitfallrück-Petric war auch dabei. Klasse! Nur zu wenig Tore, für die Rothosen. Dennoch traue ich den Fink-Männern immer noch die Europa-League zu! Und Augsburg? Schwach, ganz schwach. Da haben wir wohl den ersten Absteiger gesehen.




Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin


Nach dem Schlusspfiff rannten wir hurtig zum S-Bahnhof, um mit der S21 wieder zum Hamburger Hauptbahnhof zurück- und zu unserer Regionalbahn zu gelangen. Verpasst. Wieder einmal. Weil die Hamburger S-Bahn genauso unzuverlässig, wie ihre Berliner Schwester ist. Bina hatte die rettende Idee, verhinderte so ein Bahnhofscamping unsererseits. Top, Prinzessin! Wir checkten einfach in den Hamburg-Berlin-Linienbus ein und fuhren um 1900 Richtung Hauptstadt. Der Bus war leer, Bina und ich hatten in der oberen Etage, in der letzten Reihe unsere Plätze, verbrachten die drei Stunden Fahrt mit einer ausgiebigen Auswertung unseres Ausfluges und kamen zu dem Ergebnis, dass das Ganze trotz anfänglicher Schwierigkeiten im Ablaufplan und einem Remis der Hamburger, ein Riesenereignis war und nach einer Wiederholung schreit. Überpünktlich, um 2201, mit neunminütiger „Verfrühung“ (guckst du DB so wird das gemacht) spuckte uns der Linienbus am Funkturm in Berlin aus.

Text: S.J.



Abschließende Fragen:

Warum kann man mit dem „Schönes-Wochenende-Ticket“ nur am Sonnabend ODER Sonntag fahren und nicht an beiden Tagen, wie der Name auch sagt?

Warum hat Schwerin drei Bahnhöfe? Wissen wohl nicht mal die Schweriner selbst…



1 Kommentar:

  1. Netter Artikel. Aber Schwerin hat 4 Bahnhöfe (Süd, Görries, Mitte und Hbf). Aber warum wissen se wohl wirklich nich :-D

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