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Dienstag, 13. März 2012

Gastarbeiter...Teil 1

"Gastarbeiter" ist eine neue Kategorie auf TFSIG und ermöglicht es, wie der Name schon sagt, Gast-Schreiberlein ihre Texte hier zu veröffentlichen. Nur Top-Texte schaffen es auf unsere Seite, sind absolute Seltenheit und der von Steven Wiesner ist eben eine solche. Viel Spaß!


Wo die Intelligenz zuhause ist

Als Eishockey-Freund und langjähriger Anhänger der Eisbären Berlin dachte ich mir, es wäre Mal an der Zeit, eine Partie in den Niederungen der Szene zu besuchen. An einem kühlen Freitagabend mache ich mich also auf den Weg nach Weißwasser, eine Provinz im Osten Deutschlands, in der die Lausitzer Füchse beheimatet und in Liga 2 traditionell darum bemüht sind, der Abstiegsrunde aus dem Weg zu gehen. 

Am Eispalast angekommen, suche ich die Kasse auf. Hinter der Theke sitzen drei „Golden Girls“-Verschnitte, die die Papierschnipsel (vermutlich schon seit 100 Jahren) aushändigen. Ich erstehe eine Stehplatzkarte. (Famoses Wortspiel oder?) Das Ambiente, das ich wenige Augenblicke später vorfinde, wird dem Gegenwert von elf Euro aber nur geringfügig gerecht. Ich, der sich mit der O2-World an einen der modernsten Tempel des europäischen Kontinents gewöhnt hat, erleide das, was schlaue Leute irgendwann mal als „Kulturschock“ deklarierten. Die DDR habe ich zwar nie selbst erlebt – das aber muss sie gewesen sein: Die Zuschauer werden auf einem besseren Baugerüst abgestellt, Eichenholzplatten halten als Stehplätze her. VIP-Gäste sind in Plastikschalen hinterm Tor untergebracht. Die Pressekabine ist gar keine Kabine, sondern eine Holzbank mit Ablagemöglichkeit. Die Anzeigetafel kommt als derart veraltetes Fossil daher, dass man es förmlich klicken SIEHT, wenn sich die Ziffern ändern. Und der Imbissstand hat auch keine Steaks mit Brötchen im Angebot, sondern Schnitzel, die sich in Toastbrotscheiben verstecken. Zudem verfestigt sich sukzessive eine Geruchmixtur aus Bier, Schweiß und Asbest im Riechkolben. Dufte!

Ich bleibe trotzdem bis zum Anpfiff und müsste auch lügen, wenn diese verstaubte Szenerie nicht einen gewissen Charme versprühen würde. Es ist der vorletzte Spieltag einer langen, zermürbenden Eishockey-Spielzeit. Die Füchse haben ein gutes Jahr hinter sich. Mit einem Punktgewinn gegen das Kellerkind aus Riessersee können sie den Klassenerhalt und den damit verbundenen Einzug in die Playoff-Runde schon unter Dach und Fach bringen. Vom Bully weg entwickelt sich ein munteres Spielchen mit Chancen auf beiden Seiten. Wie bei jeder Sportart aber scheinen die Schlachtenbummler auf den Traversen durchgehend geeigneter für den Job im Ring zu sein als die Athleten – zumindest wenn man ihren Ausführungen und Verlautbarungen Glauben schenken möchte. Ich habe mich glücklicherweise genau neben eine Meute halbstarker Jugendlicher platziert, die sich Ultras schimpfen, Transparente basteln und im Glauben erzogen wurden, der Puck würde nur dann im Tor einschlagen, wenn sie auch ja jeden Angriff akustisch („Jaaaa“ / „Aahhhh“ / „Oohhhh“) begleiteten. Direkt vor mir wedelt eine dieser Intelligenzbestien (ich nenne sie mal Fridolin) unentwegt mit einer Fahne herum. Ein paar Reihen über mir sucht jemand (ihn taufe ich auf den Namen Kunibert) den Dialog: „Eyyyy, nimm‘ die Fahne runter!“, eröffnet Kunibert charmant. Fridolin möchte besonders cool reagieren. Er dreht sich um und symbolisiert den Wunsch nach Stille, indem er seinen Zeigefinger senkrecht auf seine gespitzten Lippen legt. „Wir wollen ooch watt sehn!“, legt Kunibert nach. Wieder wendet sich Fridolin seinem Pendant zu, um diesmal Gesprächsbereitschaft zu signalisieren. In einem Moment brillanter Klarheit entgegnet er: „Du kannst auch rausgehn!“ Mensch, natürlich!, dämmert’s mir. Warum Kunibert da nicht von selbst drauf gekommen ist!? Von draußen hätte er bestimmt bessere Sicht aufs Treiben! Einfach genial, dieser Frido! Doch halt, er argumentiert weiter: „… du Spast!“ Und weil Fridolin gerade so einen intellektuellen Moment hat, macht er den Naki und wütet hinterher: „Du bist dran, Alter!“ Die Stimmung ist gut.

Das erste Drittel geht torlos über die Bühne. Verunsicherung macht sich breit. „Warum sind wir eigentlich Fans von diesen Versagern?“, steht den Zuschauern ins Konterfei geschrieben. Fridolin will sein Team nach vorne peitschen. Er dreht sich um, hebt die Arme empor und versucht, den Rest des Fanblocks zum Klatschen zu animieren. „Alle zusammen, aaaaaalllllleeeeee!“, krakelt ausgerechnet derjenige drauf los, der noch ein paar Minuten zuvor einen Fankollegen exekutieren wollte. ‘N toller Zusammenhalt ist das. Im zweiten Abschnitt aber erzielen die Füchse das erlösende 1:0, um im Schlussdrittel die Entscheidung herbeizuführen. Nach 60 Minuten steht es 3:0. Die Füchse haben’s geschafft. Das Publikum ist begeistert. „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ und „Wir sind stolz auf unser Team“, skandieren die Fans, die noch nach den ersten vergebenen Möglichkeiten in der Anfangsphase die ganze Mannschaft verkaufen und sich selbst einwechseln wollten. Hach, man muss sie einfach mögen, diese Fans. Denn auch mein Ausflug nach Weißwasser hat bestätigt: Wo sich die Sportfans dieser Welt mit ihren scharfsinnigen Kommentaren herumtreiben, ist auch intelligentes Leben nicht weit.   


Nachtrag:
Deniz Naki
sorgte für Aufregung,
weil er eines seiner Tore
vor dem Gästeblock
feierte und symbolisch 
mit seiner Hand seine 
Kehle durchtrennte

Text:
Steven Wiesner   
(SteWie)
Foto: Web

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