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Montag, 9. Juli 2012

Aus dem Leben... Teil 29


Krankenbett-Romantik


Zurzeit meint es mein Körper nicht unbedingt gut mit mir. Der Epstein-Barr-Virus (=Pfeiffersches Drüsenfieber) haut mir komplett den Boden unter den Füßen weg. Ein neuntägiger Krankenhausaufenthalt liegt bereits hinter mir. Keine schöne Zeit. Dennoch habe ich Einiges über die wirklich wichtigen Dinge im Leben, wie die Gesundheit, das Zusammenleben, über Respekt und Aufrichtigkeit gelernt.


Den ganzen Tag liegt er im Krankenbett, er redet nicht viel. Sagt nur, dass er später fit sein muss. Das Leben, aber vor allem die Chemotherapien haben den Übersiebzigjährigen gekennzeichnet. Jeder Gang fällt ihm schwer. Er ist schwach und erhebt sich ab und an nur, um auf die Toilette zu gehen. Dabei schiebt er langsam und bedacht den Infusionsständer neben sich her und lächelt mich an. Jedes Mal. Er will sich nicht anmerken lassen, dass er sich quält. Aber natürlich ging früher alles einfacher, na klar, da war der Körper auch nicht der größte Feind. Er selbst hätte nie gedacht, dass „es“ ihn einmal erwischt, sagt er.  

Umso bitterer die Diagnose vor vier Jahren: Krebs. Und das, obwohl er nie geraucht oder getrunken hat. Er nimmt den Kampf an und gewinnt ihn. Leider nur für ein paar Jahre. Bei einer Routine-Untersuchung dann der Rückschlag, die bösen Zellen sind wieder da. Der Kampf geht von vorn los. Tränen. Krankenhaus. Chemotherapien. Warten. Bangen. Hoffen. Leiden. Der gleiche Ablauf wie damals.

Nach dem Mittagessen schließt er seine Augen. Der Mittagsschlaf ist ein wichtiges Ritual in seinem Leben, das hat er „immer schon so gemacht“. Er benötigt keine fünf Minuten bis er schläft. Er schnarcht nicht einmal. Das einzige Geräusch im Krankenzimmer 66 auf Station 17 sind die Tropfen seiner Infusion. Nach einer halben Stunde ist die Flüssigkeit durchgelaufen. Nun ist es komplett still im Zimmer.

Exakt 90 Minuten schläft er, ehe er wieder wach wird. Pünktlich. Ganz ohne Wecker. Er geht ins Badezimmer und macht sich fertig. Rasiert sich. Wäscht sich. Zieht sich um. Er freut sich, hat ein Dauergrinsen auf den Lippen, plötzlich geht alles leichter. Er vergisst die Krankheit. Kaum ist er fertig, klopft es an der Tür. Eine ältere Dame tritt zaghaft ins Zimmer ein. Sie lächelt. Guckt mich an, sagt „hallo“ und geht auf ihn zu. Sie umarmen sich. Mehrere Sekunden lang. Tränen kullern. Man könnte meinen, die beiden haben sich schon ewig nicht mehr gesehen. Genau das Gegenteil ist aber die Wahrheit. Jeden Tag, zur selben Zeit besucht sie ihn im Krankenhaus. Jeden Tag bleibt sie drei Stunden. Jeden Tag erinnern sie sich an ihre Urlaube im Elbsandsteingebirge, im Harz oder am Bodensee. In 50 Jahren Ehe kommen viele Erinnerungen zusammen. Sie sprechen über ihre Enkelkinder, während sie sich alte Fotos angucken. Tauschen sich über Nachrichten, aus den am Abend zuvor gesehenen Tagesthemen aus. Jeden Tag der gleiche Ablauf. Dabei vergessen sie, wie fies und ungerecht das Leben sein kann.  Sie vergessen aber auch, dass sie ihn in einem Krankenhaus besucht. Jeden Tag. Zur gleichen Zeit.

Am Tag meiner Krankenhaus-Entlassung ist sie wieder da. Beide verlassen das Zimmer und wollen raus in den Park. Ich packe meine Tasche fertig und möchte ebenfalls das Zimmer verlassen. Da öffnet sich dir Tür. Er ist extra noch einmal zurückgekommen, lächelt mich wieder an und wünscht mir alles Gute, vor allem Gesundheit. Ich stehe da, habe Gänsehaut und auch eine Träne in den Augen. Kriege gerade noch ein „ebenfalls alles Gute“ heraus.

S.J.

Kommentare:

  1. Stevie,der Artikel ist dir super gut gelungen.Ganz grosse Klasse.Beim lesen habe ich auch Gänsehaut bekommen und Tränen in den Augen gehabt.Für dich Stevie alles Gute.Mache weiter so.Du bist Spitze.

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    1. Hallo ehemaliger Bettennachbar,
      Dein Artikel hat mir gut getan, wenn ich auch weinen musste.
      Danke.

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    2. Hallo zurück =)

      Das freut mich zu lesen. Also, dass der Artikel gut getan hat.

      Ich habe viel von Dir und Deiner Frau gelernt in den 9 Tagen. Das werde ich nie mehr vergessen.

      Ich wünsche Dir und Deiner Frau alles erdenklich Gute und vielleicht laufen wir uns auch mal zufällig über den Weg! Köpenick ist ja nicht all zu groß...

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  2. Ja, schön geschrieben und schön zu erleben, dass junge Menschen reifen. Alles Gute noch nachträglich zum Geburtstag. Einmal UNIONER-immer UNIONER !

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