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Freitag, 26. April 2013

Deutschland und die Welt...Teil 20



Ein Hirnfurz der mich aufklärte

Berlin - Ich bin so enttäuscht. Bisher waren Busfahrer für mich immer Helden. Wahre Heroes des Alltags. Sie transportierten mich schon oft von A nach B. Meist pünktlich, selten freundlich. Aber immer auf dem richtigen Wege. Sie funktionierten, wie Maschinen. Oder Roboter. Oder superschlaue Außerirdische. Ich bewunderte sie einfach. Bis zum heutigen Tage, als ich lernen musste, dass die Buslenker der BVG keine Superkräfte besitzen und auch nicht ALFs Nachbarn sind sondern ganz normale Menschen. So, wie du und ich.

Normalerweise fahre ich selten mit den gelben Wuchtbrummen. Die sind mir einfach zu warm, zu voll und zu dreckig. Und einfach viel weniger cool als mein Golfi. Aber heute musste ich notgedrungen. Also, Nase zu und ab in den 269er am Elsterwerdaer Platz. Und den lenkte Lars. Seinen Familiennamen kenne ich nicht. Könnte aber irgendwas mit „Lässig“ sein. So sah er jedenfalls aus: Sonnenbrille auf, aalglatte Haare und Stehkragen. Was auf den Fußballplätzen dieser Welt schon seit Ende der Neunziger wieder out ist, hat Lars für sich entdeckt. Egal, jeder wie er mag und nicht mein Problem.

Ich hatte ein anderes. Ich brauchte Sauerstoff. Nach 30 Sekunden Luft anhalten inmitten Siebzigjähriger brauchte ich schon wieder O² zum Atmen. Bin eben untrainiert. Was ich in diesem Moment mehr bereute als sowieso schon. Sofort kam mir ein Duftgemisch aus Hundekot und Rentnerschweiß in die Nase geschossen. Ekelhaft! Tränen flossen. Oder war das auch Schweiß, weil Herr Lässig bei gefühlten 50 Grad Celsius Außentemperatur die Heizung im Schlenki an hatte? Hmm. Beides nicht schön.

Dann ein Geräusch. Mitten in meinem Leid schnappte sich Lars plötzlich das Mikrofon und entschuldigte sich. Aber wofür? Für die Heizung? Für den Gestank? Nee, der Knüppel hatte sich verfahren! Als er dann auch noch sagte „Sorry, ich bin falsch abgebogen. Ich war die vier letzten Wochen im Urlaub und mein Kopf ist da immer noch“, war mein Bild vom lenkenden Helden komplett zerstört. Lars hat sich verfahren? Ein Busfahrer macht einen Fehler? Und noch viel schlimmer: Der Typ hatte vier Wochen Urlaub? Wie menschlich ist das denn? Das konnte doch nicht sein ernst sein. Irgendwie musste doch der Herr Busfahrer mein Weltbild jetzt noch retten. Zeigen, dass er ein höheres Wesen ist. Und mein Wunsch wurde erhört. Larsi hatte eine rettende Idee. Einen Einfall, den wir vom niederen Fußvolk so schnell niemals hätten bringen können. Busfahrer sind eben doch Helden.

Dachte ich. Denn der Steuermann sagte: „Falls es hier etwas bringt, kann ich gern den ein oder anderen hier raus lassen. Das muss dann nur schnell gehen.“ Eigentlich ein Rieseneinfall. Nur der entpuppte sich beim Blick aus dem Fenster als Gehirnfurz. Der Typ wollte den älteren Herrschaften tatsächlich zumuten an einer Mega-Kreuzung in der Berliner Rush-hour während einer roten Ampelphase auszusteigen. Ab da war endgültig klar, mein Weltbild vom Busfahrer ist nicht mehr so wie es mal war.
Foto und Text: Steven Jahn

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